Was ist Glück?
Einem Bauern lief eines Tages sein Pferd davon und kam nicht mehr zurück. Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten: Du Ä'rmster, dein Pferd ist weggelaufen, welch ein Unglück! Der Landmann antwortete:Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist? Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück - und brachte ein Wildpferd mit. Da sagten die Nachbarn: Erst läuft dir das Pferd davon, und dann bringt es noch ein zweites mit. Was hast du bloß für ein Glück! Der Bauer schüttelte den Kopf: Wer weiß, ob das Glück bedeutet? Das Wildpferd wurde von seinem ältesten Sohn eingeritten; dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten: Welch ein Unglück! Der Landmann gab zur Antwort: Wer will wissen, ob das ein Unglück ist? Darauf kamen die Soldaten des Königs ins Dorf und zogen alle jungen Männer für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauner ließen sie zurück - mit seinem gebrochenen Bein. Da riefen die Nachbarn: Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen! Der Bauer sagte: Wer sagt denn, dass dies ein Glück ist?
Die Geschichte könnte man unendlich weiter erzählen. Was die Essenz aussagen möchte: Wer sich zu früh ein Bild macht, liegt falsch. Nur allzu schnell treten Umstände ein, die es notwendig werden lassen, bereits gefasste Urteile zu revidieren.
Genauer gesehen ist die Moral der Geschichte noch provokanter. Nicht nur, wer sich zu früh ein Bild macht, liegt falsch, sondern wer sich überhaupt ein Bild macht. Nur wer auf endgültige Festlegungen über Glück und Unglück verzichtet, bleib offen für das, was sich im Laufe der Geschichte noch alles ergeben kann.